Station Achenkirch - Achenseehof mit Kapelle

Frische Sommergeschichten

In den Jahren 1869 bis 70 wurde der Achenseehof im Auftrag des Nationalsängers Ludwig Rainer, Spross der berühmten Zillertaler Sängerfamilie Rainer, in Achenkirch erbaut. Ausgestattet mit jedem erdenklichen Luxus, etablierte es sich bald als erstes Haus am See. Wohnliche Eleganz, köstliche Speisen, erlesene Weine und natürlich der einmalige Standort direkt am See lockten Feriengäste aus aller Welt an:


Recht lebhaft ging es im Seehof zu, dem jüngsten der drei großen Wirtshäuser jener Zeit. Erbauer und Inhaber war niemand Geringerer als Ludwig Rainer, Oberhaupt der berühmten Zillertaler Sängerfamilie. Für den Seehof wählte er den bestmöglichen aller Plätze, darin sind sich alle Berichte von damals einig. „Auf keinem Punkt war der ganze See und das ganze Tal zu erblicken, erst Rainer fand den richtigen Platz, und sein neues Hotel Seehof würde schon dadurch allein ein gefährlicher Konkurrent der bisherigen Gasthäuser werden, auch wenn es minder luxuriös eingerichtet wäre. So aber ragt hier ein Büffet mit feinsten Delikatessen, reinlich servierte Tische laden zum Schmaus, die Wände sind übersät mit hübschen Farbdrucken, ein Billiard und zierliche Schach- und Brettspiele stehen zum Gebrauch bereit und ein Wienerflügel ermöglicht eine ernstere musikalische Unterhaltung, als Zither, Gitarre und Holzgelachter zu bieten vermögen.

Schilderung des Achenseehofs um 1875


Neben der Musik war Ludwig Rainer auch die Geschäftstüchtigkeit in die Wiege gelegt worden. Von ihm ist das Zitat überliefert Im Seehof ist jeder Atemzug zehn Kreuzer wert. Allerdings bot der Nationalsänger seinen Gästen für ihr Geld stets spektakuläre Unterhaltung:


Am andern Morgen sah man über den Fahrweg zum Gasthofe einen riesigen Triumphbogen sich wölben, der die Erwartung nicht unberechtigt erscheinen ließ, daß der Triumphator seinen Einzug auf einem vollständig ausgewachsenen Elephanten halten werde. Das Wetter war herrlich, eine feierliche Stimmung lag über den Bergen und Wäldern, der See zitterte vor Erregung, die Amseln schwiegen furchtsam, die Hotel-Lyra aber blickte stolzer als je in die sonnige Ferne. Die Fremden hatten sich vor dem Hause versammelt und reckten neugierig die Hälse in die erfrischende Gebirgsluft. Plötzlich erscholl es laut: „Sie kommen, sie kommen!“ Und nun hörte man immer näher ein Dröhnen wie von wuchtigen Elephantentritten --- es war die ehrsame Frau Wirthin, die auf die Veranda hinausschritt, um die Heimkehrenden zu empfangen. Zwei Wagen mit den Sängerinnen und Sängern fuhren durch die Ehrenpforte, und diesen folgten schwere Gepäckswagen mit den Noten, Instrumenten und National-Costümen, die man nunmehr in der trauten Heimat, wo man keinen Zwang mehr sich aufzuerlegen genöthigt ist, wie in der gleißnerischen Fremde, nicht mehr zu tragen braucht, sondern im Koffer ausruhen lassen kann. … So feierlich wurde die Saison im Seehof am Achensee eröffnet. Nun aber folgte eine der merkwürdigsten Metamorphosen, deren poetische Beschreibung eines Ovid würdig gewesen wäre. Der Sänger, Herr Rainer, der bisher in vollen Tönen dem Zillerthale unter allen Thälern Tirols den höchsten Preis ertheilt und gesungen hatte: „Zillerthal, du bischt mei Freud’!“ verwandelte sich in einen so betriebsamen Wirth, daß ihm nunmehr wol das Achenthal die höchsten Preise unter allen tirolischen Thälern verdankte. Die berühmte Zitherspielerin der Gesellschaft, Fräulein Therese, stand in Salon-Toilette beim Buffet und löffelte für die Gäste der Table d’hôte – denn diese hatten mit den Musen zugleich ihren Einzug gehalten – die Suppe ein. Herr Rainer junior, der in den Concerten der Gesellschaft das Holz- und Stroh-Instrument meistert, reichte während der Tafel die Speisen herum, im schwarzen Frack und das Zeichen oberkellnerlicher Intelligenz, den Bleistift, hinter dem Ohre. Er legte in seinem neuen Berufe dieselbe Kunstfertigkeit an den Tag, wie als Virtuose, allerdings aber vergaß er sich zeitweilig und verwechselte den Kellner mit dem Künstler, indem er den Gästen manchmal Fleisch und Gemüse vorsetzte, die dem Holz und Stroh sehr verwandt waren. Die junge hübsche Tochter, die gefühlvolle Jodlerin, wurde zur Buchhalterin, und man sah sie, das Haupt in die Hände stützend, die grausamsten Rechnungen ersinnen. Der Guitarrespieler der Gesellschaft aber stand im Vorzimmer mit einer Schürze und erprobte jetzt seine Fingerfertigkeit im Putzen des Eßzeuges. Und wie harmonisch klang es zusammen, daß auch der Metzger Mitglied der Sängergesellschaft war! Wir hatten, vielleicht nur zu oft, wenn seine Stimme aus der Ferne herüber tönte, den Schwanengesang seiner Schlachtopfer zu hören vermeint, aber er hatte vor vielen hohen Herrschaften gesungen, auch in Moskau und Nischni-Nowgorod, und sich wol auf den russischen Eisfeldern die Nase erfroren, daß sie so roth war.

Aus: Daniel Spitzer. Reisebriefe eines Wiener Spaziergängers. Ein musikalischer Tiroler Gasthof. In: Wiener Spaziergänge. Wien 1869 - 86


Viele Intellektuelle schlugen ihr Domizil für die Sommerfrische im Achensee auf. Auch der bayrische Schriftsteller Ludwig Ganghofer erinnerte sich gern an seine Aufenthalte im Hotel der Familie Rainer:


Mit einem Freunde, der mich in Fall besuchte, unternahm ich einen Ausflug nach dem Achensee. An diesem grünblauen See war die Heimat der berühmten Tiroler Sängerfamilie Rainer, die den Volksgesang zu einer erfolgreichen Kunstform erhoben hatte und einen verdienten Weltruf besaß, den sie nun, nach vielen, einträglichen Sängerfahrten durch Europa und Amerika, praktisch bei der Führung zweier Hotels ausmünzte, in denen es immer von Gästen wimmelte. Diese Geschwister Rainer waren geborene Musikanten, packende Sänger, meisterhafte Gitarristen und Zitherspieler, jedes Mitglied der Familie ein Künstler von ursprünglicher Art. Was sie künstlerisch schufen, hat nicht bleibende Schule gemacht; es war ihr subjektives Können, ihr persönlicher Besitz, und ist mit ihnen erloschen und versunken. Als ich die Familie Rainer damals kennen lernte, war die berühmte Truppe schon ein bißchen in die Brüche gegangen. Eine der Schwestern regierte als Wirtin im Hotel Pertisau. Und im Hotel Seehof zu Achensee präsidierte an der Table d'hote der Senior Rainer, eine prächtige, nur leider schon grau gewordene Andrä-Hofer-Gestalt, mit der klugen, musikalisch genialen Schwester Theres, die auch als Vierzigjährige noch mit dem heiteren Charme bezwingender Jugend wirkte und viele Herzen knickte.

Man wohnte im Seehof sehr gemütlich und wurde famos verpflegt. Eine sieghafte Attraktion für die Gäste und eine Gratiszugabe zur Pension waren die fidelen Sängerstunden, die allabendlich in einem hübsch dekorierten Souterrainlokal der Dependance abgehalten wurden, das mit Berechtigung den charakteristischen Namen „Das süaße Löchl“ führte. Wenn da die Zither schmeichelte und die seinen Lieder klangen, wurde so viel Sekt getrunken, daß sich diese künstlerische Gratiszugabe zur Pension für die Gäste in eine sehr kostspielige Sache verwandelte. Ich mußte schon am dritten Tage um Geld nach Hause telegraphieren.

Aus: Ludwig Ganghofer. Lebenslauf eines Optimisten. Wien 1959


Zu Pfingsten 1900 ist der ursprüngliche Hotelkomplex abgebrannt. Fünf Jahre später ging das Areal in den Besitz von Stift Fiecht über. Die Fiechter Benediktiner wiederum verkauften den Achenseehof gemeinsam mit dem gesamten Achensee 1919 an die Stadt Innsbruck. Im Frühjahr 2003 wurde der Achenseehof abgerissen. Heute ist vom einst prachtvollen Komplex des Achenseehofes nur mehr die kleine Seehofkapelle nahe der Schiffsanlegestelle erhalten.


Mehr Infos zum interaktiven Hörspiel am Achensee.

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